16.08.2025
Es ist nass …
Ich wache auf und sehe, dass mein Zelt von außen völlig durchnässt ist. Nach der Wettervorhersage gestern war das allerdings keine Überraschung, außerdem bin ich nachts schon vom Regen geweckt worden.
Als ich aus dem Zelt schlüpfe, ist es glücklicherweise gerade trocken. So kann ich meinen Kocher anwerfen und alles in Ruhe zusammenpacken. Das Zelt wird natürlich nass verstaut.

Während ich alles zusammensammle, fahren ein, zwei Autos vorbei. Das ist mir schon gestern Abend aufgefallen, aber ich habe mir dabei nichts weiter gedacht.
Einige grüßen, andere fahren einfach weiter.

Um 6:40 Uhr bin ich wieder abmarschbereit und schultere meinen Rucksack. Er ist angenehm leicht, da kaum noch Essen übrig ist.
Heute will ich Seiad Valley erreichen, wo ein neues Re-Supply-Paket auf mich wartet.
Bis dahin liegen noch gut 30 Kilometer unter einer geschlossenen Wolkendecke.


Mein morgendliches Statement zum Start in den Tag:
So schlecht war die Aussicht dann doch nicht, auch wenn ich mir natürlich lieber blauen Himmel und KEIN Regen gewünscht hätte.


Nach 1,5 Stunden erreichte ich die erwartete Wasserquelle und füllte meine Flaschen wieder auf.
Sie lag etwas abseits an einem kleinen Sidetrail.
Und dann begann es zu regnen – genau wie angekündigt, also kaum überraschend, vor allem unter dieser tiefhängenden Wolkendecke.

Immerhin: Der Weg stimmte 👀

Heute schien wohl mein Glückstag zu sein … es kam eine Burn Zone.

Kein Dach über mir, wahrscheinlich viele Downfalls vor mir … aber immerhin: Wasser war heute kein Problem.
Und es wurde wirklich gruselig. Der Regen plätscherte unaufhaltsam von oben, der Weg war kaum noch zu erkennen, überall lagen Bäume und Äste am Boden. Die Büsche taten ihr Übriges und überwucherten den restlichen Pfad. Ich war echt verzweifelt:
Auf dem Trail ist es nicht immer nur schön und einfach. Es gibt diese Momente, in denen die Natur keine Kompromisse macht – Regen, Kälte, überwucherte Wege, Erschöpfung. Mental ist es oft anstrengender als die Strecke selbst, jeden Tag weiterzugehen, weiterzulächeln, weiterzumachen.
Von außen wirken solche Touren oft wie Freiheit und perfekte Naturkulisse. Bilder zeigen Sonnenaufgänge, weite Ausblicke, leichte Tage.
Doch das echte Leben draußen besteht genauso aus nassen Schuhen, schwerem Kopf und dem ständigen Anpassen an das, was gerade kommt.
Rucksack und Zelt bedeuten nicht nur Abenteuer – sie bedeuten auch Durchhalten, wenn es unbequem wird.
Ich kämpfte mich weiter, ließ meine Wut einmal laut herausbrechen und erschrak selbst kurz über die eigene Stimme. Ich suchte den Weg, rutschte zweimal fast aus und hoffte einfach nur, dass dieser Abschnitt bald hinter mir lag.

Dann wurden die umgestürzten Bäume weniger, und der Trail gewann langsam wieder an Form.
Mir kam eine Hikerin entgegen – in unseren Gesichtern stand das gleiche: wir waren beide gerade am Limit.
Ohne zu zögern sagte sie: „Just 10 minutes left… for you.“, und ich wünschte ihr für die kommenden Meilen: „Stay safe!“.


Ich erreichte den Peak und es ging wieder bergab – keine umgestürzten Bäume mehr auf dem Trail, aber der Regen blieb. Es wirkte stellenweise fast mystisch und ließ mich meine nassen Füße vergessen. Ich war froh, dass es nicht so kalt war, denn ich fror nicht.


Ich erhaschte den ersten Blick auf die Forest Service Road, die ich beschlossen hatte zu gehen. Ich wollte nicht den PCT bis nach Seiad Valley laufen und über weitere Bäume klettern – im Regen.
Dort stand sogar ein Auto – und insgeheim hoffte ich, dass der Fahrer mich mit in den Ort nehmen würde.

Aber der Inhaber war nirgends zu sehen und so bog ich ohne zu warten auf die Forest Service Road ab - den PCT ließ ich rechts liegen.


Es regnet immer noch ein wenig aber ich hatte auch hunger. Seit dem Frühstück habe ich nichts mehr gegessen - ist mir auch nicht in den Sinn gehgekommen bei dem Desaster zu essen. Jetzt packte ich meine Crunchy Cerealien aus, die man sonst mit Milch zum Frühstück ist und snackte sie beim Gehen.
Plötzlich kam ein Auto um die Kurve – mir entgegen, recht flott, aber es sah mich rechtzeitig und hielt neben mir an.
Darin saßen etwa vier Hiker – NOBOs –, die mich alle fröhlich, fast schon übertrieben freundlich, begrüßten. Es tat gut, und eine von ihnen hielt mir ein Stück Banana Bread hin. Ich nahm es dankend an – ich hatte wirklich Hunger.
Sie fragte mich nicht nach den Trail Conditions, und so drängte ich es ihnen auch nicht auf.
„Happy Trails.“
…und ich ging weiter.

Der Weg zog sich, und der Regen hörte auf. Ich hielt an und zog meinen Poncho aus. Nass wanderte er zurück in den Beutel – eine andere Wahl hatte ich nicht.

Das Auto, das die NOBOs zum Trailhead gefahren hatte, kam nicht zurück – ich hatte ein wenig Hoffnung gehabt. Also ging ich weiter die breite Forest Service Road entlang und beobachtete, wie der Himmel Stück für Stück aufklarte.


Nach knapp 15 km auf der Forest Service Road tauchten die ersten Häuser und Straßenschilder auf – und inzwischen war es richtig warm geworden.


Ich hatte keinen Empfang, wie ich es schon aus Trout Lake in Oregon kannte. Meine eSIM war eben nicht die beste. Es war mir egal – WLAN würde es im Ort bestimmt irgendwo geben.
Erstmal zum Store/ Campground, Paket abholen und ankommen. Und wie so oft an diesen Punkten am Trail: irgendwo hängen die Infos für Hiker – Schlafplätze, Duschen, Waschmaschinen. Alles, was man nach Tagen draußen plötzlich wieder braucht.
Um 14:30 Uhr erreichte ich den Store, und auf dem Parkplatz daneben tummelten sich auch eine Handvoll Hiker.
Kurzes Grüßen – SOBO oder NOBO – und die Info, dass der Store geöffnet ist.


Die Dame an der Kasse suchte etwas länger nach meinem Namen und wurde schließlich im Juni fündig – mein Paket lag schon länger hier..
Ich fragte nach dem Campground nebenan und einer Waschmaschine, doch beides wurde verneint, der Inhaber sei außerdem gerade nicht da.
Dann fiel der Blick auf eine junge Frau neben mir. „Maybe she can help“, sagte sie. Die Frau stellte sich als Nina vor und erzählte von ihrem Campground „The Wildwood“, etwa eine halbe Meile entfernt. Dort gibt es Duschen, eine Waschmaschine, eine große Wiese zum Zelten – und sogar ein gemeinsames Dinner am Abend in gemütlicher Runde.

Ich schnappte mir mein Paket, die Bananen und die Tüte Chips, die ich gekauft hatte, und verließ den Store. Eigentlich wollte ich in ein Motel mit vier Wänden, aber da es inzwischen warm genug war, dass mein Zelt trocknen würde, und es hier in der Nähe offenbar keine Alternative gab, nahm ich das Angebot an.
Die halbe Meile war schnell gegangen, und ich stand vor der Unterkunft für meine heutige Nacht.

Es war toll hier und Nina begrüßte mich – auf Deutsch – da sie nämlich ursprünglich aus Deutschland kommt. Sie hat schon gefühlt überall auf der Welt gelebt und ist jetzt hier angekommen.
Sie zeigte mir alles in Ruhe: den Zeltplatz, die Dusche, die Waschmaschine und sogar die Leihkleidung. Nach einem Tag, der zwischendurch wirklich grenzwertig gewesen war, kam plötzlich wieder Leichtigkeit in mich zurück. Ich erinnerte mich daran, warum ich das hier eigentlich mache.
Ich suchte mir einen Platz auf der Wiese und breitete mein Zelt zum Trocknen aus. Währenddessen holte ich mir „neue“ Klamotten, warf meine Sachen in die Waschmaschine und ging duschen – einfach herrlich.


Mein Zelt war schnell trocken, und so baute ich es auf. Inzwischen waren noch andere PCTler angekommen, und auch Rainbow & Brian trafen ein.

Auf der Veranda (Porch) des Hauses stand ein Tisch mit Lademöglichkeiten. Dort breitete ich mein Re-Supply-Paket aus und packte es um.
Währenddessen kam Nina dazu, und wir unterhielten uns sehr lange. Ich hatte den Eindruck, dass sie es genossen hat, mal wieder etwas mehr Deutsch zu sprechen.

Um 18:15 Uhr klingelte die Glocke, und alle kamen zum Dinner. Gemeinsam saßen wir Hiker am Tisch und aßen zusammen.
Ich unterhielt mich viel mit Rainbow, und wir tauschten unsere Erfahrungen, Sorgen und Nöte sowie wundervolle Erlebnisse vom Trail aus.
Das Essen war sehr lecker, und der Abend war einfach nur schön.

Ich saß auch nach dem Essen noch auf der Veranda und hörte einfach den anderen zu, ihren Geschichten, ihrem Lachen, ihrem Tag.

Als es langsam dunkel wurde, zog ich mich ins Zelt zurück.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen bin.
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Tageskilometer: 34,73 km
Gesamtkilometer: 1643,52km
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Englisch Version:
It’s wet…
I wake up and see that my tent is completely soaked on the outside. Given yesterday’s weather forecast, that wasn’t a surprise, and I had already been woken up by the rain during the night.
When I crawl out of the tent, it is fortunately dry for the moment. I can start my stove and pack everything up in peace. Of course, the tent gets packed away wet.
While I’m gathering everything, one or two cars pass by. I already noticed that yesterday evening, but I didn’t think much of it. Some greet me, others just drive on.
At 6:40 a.m. I’m ready to go again and shoulder my backpack. It’s pleasantly light, since there’s hardly any food left.
Today I want to reach Seiad Valley, where a new resupply package is waiting for me.
Until then, there are still a good 30 kilometers under a blanket of clouds.
My morning statement to start the day: VIDEO
It wasn’t actually that bad out there, even though I would of course have preferred blue skies and NO rain.
After 1.5 hours I reached the expected water source and refilled my bottles.
It was located slightly off the trail on a small sidetrail.
And then it started raining – exactly as forecast, so hardly surprising, especially under this low-hanging cloud cover.
At least: I was on the right track 👀
Today really seemed like my lucky day…
I hit a burn zone.
No cover above me, probably many downfalls ahead of me… but at least water wasn’t going to be a problem today.
And then it got really eerie. The rain kept pouring down relentlessly, the trail was barely visible, and everywhere there were fallen trees and branches on the ground. The bushes added the rest, completely overgrowing what was left of the path.
I was honestly desperate: VIDEO
It’s not always just beautiful and easy on the trail. There are moments when nature shows no mercy – rain, cold, overgrown paths, exhaustion. Mentally, it is often more demanding than the miles themselves, to keep going every day, keep smiling, keep moving.
From the outside, these kinds of trips often look like pure freedom and perfect nature scenery. Pictures show sunrises, wide views, easy days.
But real life out here is just as much wet shoes, a heavy mind, and constantly adapting to whatever comes next.
A backpack and tent are not just adventure – they also mean pushing through when things get uncomfortable.
I pushed on, let my anger burst out once in a loud shout, and was almost startled by the volume of my own voice.
I searched for the trail, slipped almost twice, and just hoped that this section would soon be over.
Then the fallen trees became fewer, and the trail slowly regained its shape.
A female hiker came towards me – on both our faces you could see the same thing: we were both at our limit.
Without hesitation she said: “Just 10 minutes left… for you.” and I wished her for the coming miles: “Stay safe!”
I reached the peak and it went downhill again – no more fallen trees on the trail, but the rain stayed. At times it looked almost mystical and made me forget my wet feet. I was glad it wasn’t too cold, because I wasn’t freezing.
I caught my first glimpse of the Forest Service Road I had decided to take. I didn’t want to continue the PCT to Seiad Valley and climb over more trees – in the rain.
There was even a car parked there – and secretly I hoped the driver would take me into town. But the owner was nowhere to be seen, so I turned onto the Forest Service Road without waiting – leaving the PCT behind.
It was still raining a little, but I was also hungry. Since breakfast I hadn’t eaten anything – it hadn’t even crossed my mind during the chaos. I pulled out my crunchy cereals, usually eaten with milk for breakfast, and snacked on them while walking.
Suddenly a car came around the corner – toward me, quite fast, but it saw me in time and stopped next to me. Inside were about four hikers – NOBOs – all greeting me in an almost overly friendly way. It felt good. One of them handed me a piece of banana bread. I gladly accepted – I was really hungry.
She didn’t ask me about trail conditions, and I didn’t volunteer anything either.
“Happy Trails.”
…and I kept walking.
The road stretched on, and the rain stopped. I stopped and took off my poncho. It went back into the bag completely soaked – I had no other choice.
The car that had brought the NOBOs to the trailhead didn’t come back – I had had a bit of hope. So I continued along the wide Forest Service Road and watched the sky slowly clear.
After about 15 km on the Forest Service Road, the first houses and road signs appeared – and it had become really warm by then.
I had no reception, like I already knew from Trout Lake in Oregon. My eSIM wasn’t the best. I didn’t care – there would be Wi-Fi in town somewhere.
First to the store/campground, pick up my package, and arrive. And as always in these trail towns: somewhere there are notes for hikers – places to sleep, showers, washing machines. Everything you suddenly need after days out there.
At 2:30 pm I reached the store, and on the parking lot next to it a handful of hikers were gathered. A quick greeting – SOBO or NOBO – and the info that the store was open.
The woman at the counter took a while to find my name and eventually found it in June – my package had been there for quite a while.
I asked about the campground next door and a washing machine, but both were denied, and the owner was also not around.
Then her attention shifted to a young woman next to me. “Maybe she can help,” she said. The woman introduced herself as Nina and told me about her campground “The Wildwood,” about a mile away.
There are showers, a washing machine, a big grassy area for tents – and even a shared dinner in the evening in a cozy group.
I grabbed my package, the bananas, and the bag of chips I had bought, and left the store. I had actually wanted a motel with four walls, but since it was warm enough for my tent to dry and there was clearly no alternative nearby, I accepted the offer.
The half mile went quickly, and I stood in front of my accommodation for the night.
It was great here and Nina greeted me in German – since she originally comes from Germany. She has basically lived all over the world and has now settled here.
She showed me everything in detail: the tent area, the shower, the washing machine, and even the loaner clothes. After a day that had at times been really on the edge for me, I suddenly felt lighter again. I remembered why I’m doing this.
I found a spot on the lawn and spread my tent out to dry. Meanwhile I got “new” clothes, threw my things into the washing machine, and took a shower – absolutely wonderful.
My tent dried quickly, and I set it up again. In the meantime, more PCT hikers had arrived, and I also met Rainbow and Brian again.
On the porch of the house there was a table with charging options. There I laid out my resupply package and repacked it.
Meanwhile Nina joined me, and we talked for a long time. I had the impression she enjoyed speaking German again.
At 6:15 pm the bell rang and everyone came for dinner. We hikers sat together at the table and ate.
I talked a lot with Rainbow, and we exchanged our experiences, worries and struggles as well as wonderful moments from the trail.
The food was very good, and the evening was simply beautiful.
I also stayed on the porch after dinner and just listened to the others, their stories, their laughter, their day.
As it slowly got dark, I went into my tent.
I am pretty sure I fell asleep with a smile on my face.
Daily miles: 34.73 km
Total miles: 1643.52 km