
„Kannst du das überhaupt genießen, wenn du so schnell gehst?“
Diese Frage höre ich erstaunlich oft. Vor allem nach meinem PCT, wenn ich erzähle, dass ich auf dem Trail häufig 40, 50 oder sogar 55 Kilometer am Tag gelaufen bin.
Für viele klingt das nach Stress. Nach Kilometer sammeln. Nach möglichst schnell von A nach B kommen.
Und dann folgt meist die nächste Frage:
„Aber setzt du dich denn auch mal hin und genießt die Aussicht?“
Die Antwort lautet: Jein …
Ich genieße die Natur nicht erst, wenn ich stehen bleibe. Für mich gehört jeder einzelne Schritt dazu.
Ich liebe die Bewegung und das Draußensein. Ich nehme wahr, wie sich die Landschaft verändert. Ich sehe die Sonne zwischen den Bäumen, spüre den Wind und höre die Geräusche um mich herum.
Oft wird so getan, als würde man beim schnellen Gehen an allem vorbeirauschen. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Zu Fuß ist man ohnehin langsam unterwegs. Eine Landschaft verändert sich nicht mit jedem Schritt. Man läuft oft stundenlang durch denselben Berghang, denselben Wald oder über einen langen Grat. Es bleibt genügend Zeit, alles auf sich wirken zu lassen.
Meine Pausen sind meistens kurz – vielleicht fünf bis fünfzehn Minuten. Das reicht mir. Danach gehe ich weiter. Nicht, weil ich die Natur hinter mir lassen möchte, sondern weil genau das meine Art ist, SIE zu erleben.
Ich glaube, wir neigen oft dazu, unsere eigene Art zu genießen als Maßstab für andere zu nehmen.
Wer langsam geht, genießt.
Wer viele Fotos macht, genießt.
Und wer schnell geht? Dem wird oft unterstellt, er würde den Moment verpassen.
Für mich funktioniert das halt anders. Ich muss nicht langsam sein, um die Natur bewusst wahrzunehmen. Mein Tempo nimmt mir nichts – es ist einfach die Art, wie ich einen Trail erlebe.
Und ja, vielleicht ist das auch der Grund, warum ich regelmäßig über eine Wurzel stolpere und mich der Trail mal wieder auf den Boden schickt. Ich schaue eben öfter in die Landschaft als direkt vor meine Füße.
Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage vom Anfang:
Ja, ich kann die Natur genießen – auch wenn ich schnell gehe.
Vielleicht sogar gerade deshalb...
7. August 2026